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Veilchenblaues Garn

Neulich auf meinem Einkaufszettel:
rote Bohnen
schwarzer Pfeffer
Grünkern
Weil es so schön war, schrieb ich schnell noch Orangensaft und Blaubeeren dazu.

Was ich dann im Handarbeitsgeschäft wollte, weiß ich jetzt auch nicht mehr so genau, denn ich kaufe Textiles quasi immer intuitiv, ohne Einkaufszettel. Und ich finde immer etwas.   Diesmal: ein augenfällig präsentiertes, schlichtes, schwarzes Häkelkleid auf einer Schneiderpuppe, das mit buntem Stoff und einem Strickschal aus Effektgarn dekoriert war. Eigentlich zieht mich Schwarz nicht mehr sonderlich an, aber als ich dieses Häkelkleid sah, hatte ich auf der Stelle pling! Herzchen in den Augen. Ich wollte es sofort nachhäkeln. Sofort. Am besten noch gleich im Laden anfangen. Also fragte ich atemlos nach der Anleitung, denn wieso sonst sollte es dort ausgestellt sein, im Handarbeitsgeschäft, wenn nicht, um die Anleitung dafür zu verkaufen?    Wie sich herausstellte, gab es sie nicht mehr. Was aber viel besser war: Es gab eine Geschichte dazu. Weil ich so bemitleidenswert um dieses Kleid herumjammerte, wurde die Mitarbeiterin dazugeholt, der das Kleid gehört, und ich dachte, tschacka! das ist diejenige, die es gehäkelt hat, und gleich sagt sie mir wie, und zieht eine achtfach gefaltete, zerknitterte Anleitung aus der Hosentasche… Aber nein. Sie erzählte, dass dieses Häkelkleid das erste von einer Reihe von Kleidern ist, die ihr Vater für sie häkelt! Ich durfte noch ein paar Fotos ansehen und war ganz bezaubert von dieser Vorstellung, in der ein Papa für seine erwachsene Tochter Kleider häkelt.   Diese liebenswerte Familie versuchte Tage später sogar noch, hin- und hertelefonierend, für mich das Schnittmuster ausfindig zu machen (das nicht mehr vorhanden war), gab mir aber ein paar Hinweise, und mithilfe einiger Schnappschüsse von dem Kleid, die ich im Laden machen durfte, ist eben genau dieses Kleid jetzt gerade in Arbeit.  –  Aber ich greife vor. Denn noch befinden wir uns ja (<< rewind) vor der Schneiderpuppe mit dem Kleid, ich daneben, von einem Fuß auf den andern tänzelnd, glitzeräugig voller Hoffnung auf die Häkelzeitschrift mit eben diesem Modell.  Aber es half alles nichts. Irgendwann wurde mir klar, dass ich zumindest an diesem Tag mein Einkaufskörbchen nicht mit den Zutaten für genau dieses Kleid füllen würde, und so überbrückte ich die Zeit mal kurz mit dem Einkauf für ein Alternativkleid. Eine Zeischrift, in der das Häkelmodell narrensicher schwarz auf weiß festgehalten war (das Titelmodell, da konnte nichts schief gehen), und ein Beutel ganz entzückendes, veilchenblaues Garn, ein Gemisch aus Baumwolle, Modal und einer kleinen Beimischung von Viskose (Lang Norma – nicht verzwirnt, sondern verflochten, quasi). Ich häkelte mit einer dreieinhalber Nadel was das Zeug hielt und beschaffte mir unterdessen die bröckchenhaften Informationen zu dem schwarzen Kleid, das mir nicht mehr aus dem Sinn ging. Wie gesagt, eh jetzt vor dem inneren Auge traumhafte spitzengarnierte ballkleidartige Gebilde erscheinen: es ist ziemlich schlicht. Kann sogar sein, dass es den Charme einer Häkelgardine gekreuzt mit einem Einkaufsnetz hat, mit untenrum ner Borte drum.    Aber trotzdem – oder  gerade deswegen – so schön.
Erstmal häkelte ich veilchenblau.
Zeit verging.

hilfsbereiter Häkelkater

Das Ersatzkleid entwickelte sich prächtig, wurde irgendwann fertig und durfte schon mit mir spazieren gehen. Es trägt sich beispielsweise sehr schön über einer Jeans.

Als meine Familie und ich neulich zum Sonnenuntergang nett in einem Bistro saßen und Fruchtcocktails durch Strohhalme zogen (okay – meiner hatte eine kleine Beimischung von karibischem Rum – kleiner Gruß an Captain Jack Sparrow), seuftze ich kurz, wie schön es doch wäre, hier und jetzt in dieser Stimmung mit der tiefstehenden Sonne über den Feldern, hätte ich mein Häkelzeug dabei, in meinem selbstgenähten Rucksack… und überhörte geflissentlich die Kommentare (die ich jetzt nicht wiedergeben kann, denn ich hab sie ja überhört, aber sie gingen in die Richtung von   man kann ja auch mal ohne zu häkeln irgendwo sitzen). Aber ich packe mein Häkelzeug ein und aus, wo ich will, gottseidank, denn dann hat man irgendwann eine Menge echt schicke Sachen zum Anziehen.

veilchenblau und wundervoll

Hach ist das schön. Und stricken und handnähen geht übrigens auch überall.

Aufgepolstert

Was passiert eigentlich mit all den Dingen, die unentwegt genäht und gehäkelt werden, mit all den Decken und Kissen und Taschen und Quilts und Teilchen? Eine Frage mit einem Universum voller Antworten.    Eine der möglichen Antworten ist: Ein Kissen wird jahrelang benutzt und ist irgendwann zerschlissen. Ein farbenfrohes Kuschelkissen, geknautscht, geplättet, geschüttelt, zeigt viele Kalenderblätter später deutliche Spuren der Zeit. Und dann? Entweder ist da nichts mehr zu retten und es geht in den großen Kreislauf zurück, kann im märchenhaften Idealfall auf diversen schrägen Wegen zum Dünger für Baumwollpflanzen werden und als hübscher Stoff wiedergeboren werden, bereit, Teil eines neuen Kuschelkissens zu werden – oder zur Abwechslung vielleicht mal eine Hose oder Tasche, abenteuerlustig in der Welt unterwegs.    Bis es soweit ist, könnte das eselsohrige Kuschelkissen aber eine Chance bekommen, restauriert werden und noch eine Weile bleiben.

 

Irgendwann im letzten Jahrhundert hatte ich aus bunten Dreiecken ein Patchworkkissen genäht. Dieses traditionelle Muster heißt irgendwas mit Mountain. Wie auch immer, auch am stärksten Berg sägt der Zahn der Zeit und irgendwann waren die Löcher in der Hülle nicht mehr zu übersehen. Also nahm ich das ramponierte Kissen mit in die Nähstube und tauschte ein paar Teile aus. Applizierte liebevoll Flicken. Steppte hier und improvisierte da. Hinter das Patchwork kam eine Lage Stoff zum Verstärken, denn die Stoffe sind allesamt ganz schön dünn geworden. Die alte Kissenrückseite hatte mir eigentlich nie wirklich gefallen, so ein kleingemusterter Blümchenstoff, also ersetzte ich die Rückseite durch ein Stück Vintagestoff mit Pferd. Das wollte auch mal an die Luft.   Und ehrlich gesagt, die alte Füllung hat auch nie gepasst: Sie war zu klein, so dass die Ecken der Füllung über die Jahre die Patchworkteilchen durchgescheuert haben.   Jetzt ist es flauschig weich neu gefüllt, komplett bis in die Ecken mit Füllwatte gepolstert, da scheuert nichts mehr.

Bis das Kissen das Nähstübchen voll restauriert verließ, verging einige Zeit. Jetzt ist es wieder da. Sitzt mit auf dem Sofa, bekommt ab und zu einen Tropfen Kaffee, wird liebevoll geknautscht, untergelegt, zurechtgeknuffelt und plattgesessen.    Es sieht ganz glücklich aus.

Aprilwetter

And I never buy umbrellas   Cause there’s always one around (Tom Waits)

Kinder, wie die Zeit vergeht! Jetzt ist draußen schon wieder Aprilwetter. Durchwachsen, einzelne Schneeflocken, nass, trocken, dies und das, aber im Haus laufe ich schon beharrlich barfuß. Draußen ist es ungemütlich. Dabei war es neulich schon so schön warm – als ich unter einer Weide langspazierte, summten über mir Bienenschwärme, und die alte Kiefer knisterte, weil in der Sonnenwärme die Zapfen aufsprangen. Und dann drehten sich kleine Kiefersamenpropeller in der sanften linden Brise auf ihrem Weg zur Erde, irgendwo.

Aprilwetter war 2016 auch der Name für einen netten kleinen Kissenentwurf für die Patchworkgilde. Schon ist ein Jahr um, und ich kann den Entwurf für alle Interessierten online stellen – Kissen gehen immer, besonders, wenn man sich dann und wann auf der Suche nach ein bisschen Frühjahrsnestwärme nochmal einkuschelt. Oder am Wochenende noch ein Weilchen im Bett sitzen und lesen oder stricken möchte. Hier ist das Aprilwetter-Kissen-pdf.

Enjoy!

Schlüsseleule

eule1Text und Textil, immer wieder.
Eigentlich wollte ich nur eine kleine Eule nähen, als Geschenk für eine liebe Eulenfreundin – Freundin von mir und Freundin von Eulen.

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Vor Jahren schon hatten wir nach dieser Inspriration, gefunden in einem japanischen Buch, Schlüsselkatzen genäht (Dieses Buch hier, so alle fünf Jahre kommt es wohl ganz gelegen). Meine kann ich leider nicht mehr zeigen, weil ich sie verloren habe. Genauer gesagt ist sie natürlich nur weitergereist, hat sich irgendwie abgeseilt und ist davonspaziert, sie ist ja nicht weg, sondern nur woanders. – Aber die Schlüsseltaschenform finde ich sehr süß, und wo eine Katze ist, ist eine Eule nicht weit. Eine Eule ist eigentlich sowieso nur eine Katze mit Püschelohren und Flügeln und Riesenaugen und ohne Schwanz und ohne Zähne und okay, vielleicht doch nicht.

Aber man kann es ja mal probieren, aus einer Katze eine Eule zu zaubern. Und wie ich so am Werkeln war, erzählte mir die Eule ihre Geschichte. Ich hab sie gleich aufgeschrieben…

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Wie schön, wenn jeder seinen eigenen Weg findet.

Novembersüße

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Novembernebel, Geheul und Wandel. – Vielleicht versüßt das November-Angebot in der Lieselei (zu jedem Lieselbuch 1x Papierschablonen nach Wahl gratis, zum reinen Buchpreis) der ein oder anderen Lieslerin die dunklen Abende, oder die einer lieben Freundin. Denn ich weiß ja, wie über den wundervollen November gejault werden kann, wenn Nacht und Nebel zu lang und zu dicht werden und etwas Farbe ins Leben muss.

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Ich mag den November. Ich weiß, das sag ich jedes Jahr. Und jedes Jahr bin ich wieder entzückt, wenn November ist. Mit dieser Meinung schwimme ich im Großen und Ganzen gegen den Strom. Und ja, es ist dunkel, es wird kalt, man nimmt Abschied von Jahr und Garten und fühlt all das Blühende und Wachsende durch die Finger gleiten, Moder, Moos und Pilze. Wird jemals wieder eine Blüte aus diesem tristen Boden treiben? Ja. Wird sie. Aber erstmal wird Platz gemacht. Und auch wenn der Spätherbst dunkel und grau ist, ist er doch das Negativ, die Vorbereitung für das unbeschriebene weiße Blatt, auf dem wieder alles möglich ist. Und weil die Sonne besonders golden ist, wenn sie denn mal golden scheint, im November, und ja, weil ich ein Novemberkind bin, habe ich das Gefühl, den liebenswerten November mit seinem Nebel und seinen in den Boden sinkenden Blättern ab und zu mal hochhalten zu müssen und zu sagen, seht her, er ist einer von Zwölf, nur mit ihm ist das Jahr vollständig! Fast hätte ich gesagt: Ihn ab und zu mal in den Arm nehmen zu müssen – das freut ihn natürlich auch, aber brauchen tut er das nicht, er ist nämlich stark und präsent und schafft das getrost ganz alleine.

Vielleicht freut sich aber der ein oder andere Mensch, wenn er denn (konkret oder im weitesten Sinne) ab und zu mal in den Arm genommen und gedrückt wird, wenn der Novembernebel gar zu grau ist. Und weil es vom tröstlichen Licht und nettem Austausch nicht weit bis zum geselligen Handarbeiten ist, mit Tee und Kerzen, Farben und weichem Material, können wir unser Nähkörbchen jetzt ruhigen Gewissens vorholen und in aller Weltenruhe farbige Werke schaffen, und uns selber bestätigen: Im Frühling wachsen die Blumen wieder. Aber erstmal zur Ruhe kommen…

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Sehnsucht nach Sechsecken

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Manchmal muss es ganz irdisch sein. Geerdet wie ein Kartoffelfeld.

Eigentlich wollte ich nur eine einzige Sechseckrosette aus sieben Teilen nähen; es begann alles mit der Idee für einen Liesel-Workshop und der Frage, was absolute Lieselneulinge wohl an einem launigen Abend so gelieselt bekommen – eine Sechseckrosette, in handlicher Eineinviertelinchgröße, klar! Also lieselte ich ein Anschauungsobjekt, applizierte es eher praktisch als schön auf eine Leinenserviette und war ganz zufrieden. Ein farbiger kleiner Tupfer in einem langen, bewegten Tag. Ich war rechtschaffen müde und schlief tief, fest und traumlos, um am nächsten Morgen mit der Erkenntnis aufzuwachen: Ich! Muss! Sechsecken! Nähen! Je mehr je besser, am liebsten ein zwei mal zwei Meter großer Quilt, ein Flickenquilt real wie Haselnüsse und Hefekuchen mit Rosinen. Wenn so eine Idee erstmal da ist, ins Rollen kommt und Fahrt aufnimmt, sollte es kein Halten geben. Ich schnitt stapelweise Stoffreste zu Hexagons, während mir die Staubmäuse possierlich um die Puschen tollten. Heften, anordnen, lieseln… Irgendwann zwischendurch knipste ich nochmal für drei bis vier Sekunden den Verstand ein und machte einen „Entwurf“,  das heißt, ich beschloss mal eben, die Teile nicht zu wahrlos, sondern in Doppelrosetten anzuordnen.

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sechs9Einzelne Hexies sind bewusst aus dem Fadenlauf gedreht – teils wegen der Musterung,
teils, weil es den Flickenquiltcharakter unterstreicht.
sechs41 1/4″ (ca 3,2 cm Kantenlänge)

sechs8Was für ein Farbglück! Die Muster, die Stoffe, die Farbverläufe, das Garn! (Diese sehr unpassende Erkältung in den ersten herbstkalten Tagen tat ein übriges, so doof wie sie war, aber immerhin war es möglich, auf dem Sofa Sechsecken zu nähen) Wenn man dann noch zwischendurch, bei Nähtreffen, anstatt fernzusehen und nochmal zwischendurch näht und näht und näht, dann blühen die Rosetten schneller auf als man „Hexadezimalsystem“ sagen kann.

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Manchmal darf es ganz einfach sein.
Manchmal darf man getrost ganz kleine Brötchen backen.

Woran erkennt man, dass ein Projekt das perfekte Handtaschenprojekt ist?

fan1Jepp. Wenn die Anleitung irgendwann so aussieht. Und woran erkennt man, dass man schon viel zu lange an einem Projekt gearbeitet hat? Genau. Eben daran…

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Der Fanshawl ist so genial, weil man immer nur eine kleine Partie von maximal 50 Maschen strickt, die man dann mit Muster und Abnahmen zu einem Fan, einem „Fächer“, verstrickt, bis nur noch eine Masche auf der Nadel ist. Dann nimmt man wieder 50 neue Maschen auf, teilweise aus den schon gestrickten Kanten, und das ganze geht von vorne los. Wirklich schön für unterwegs, weil es trotz des wachsenden Tuches eben doch immer ein kleines Strickzeug bleibt.

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fan5Garn: Noroyarn, Taiyo Lace [perfekt in Lila, Grün, Orange…]

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Der Farbverlauf unterstreicht hier die Fächerform. Passenderweise (und zufällig) ist der Verlauf meistens lang genug für einen Fächer, und selbst wenn eine Farbschattierung über mehrere Fächer läuft, kommen die Partien an anderen Kanten wieder klarer zur Geltung, weil aus anderen, schon gestrickten Fächern, die Maschen wieder aufgenommen werden. Den Effekt könnte man noch unterstreichen, indem man für jeden Fächer ein neues Garn nimmt – also auch prima für kleine Reste. Wahrscheinlich wäre auch ein „Patchwork“ aus ganz unterschiedlichen Garnen, Stärken und Effekten denkbar… ein Ideenfaden zum Aufnehmen.

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Nachdem der Fan Shawl also weitgereist ist und in unterschiedlichsten Taschen als Unterwegsprojekt gehaust hatte, begleitet er mich jetzt wieder, luftig leicht und klein in der Handtasche für schön und nützlich.

Übrigens war ich nach schätzungsweise zwei Jahren des Fächer-Strickens
tatsächlich schon auf Seite 2 der Anleitung. Der Rand! Das Finale!
Und hätte sich nicht ein paar Meter vorm Ziel das Garn total verfitzt,
wäre ich doch wirklich eine halbe Stunde früher fertig gewesen.

♥♥♥